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Berlin, eine interessante Stadt

Vor anderen nenne ich ihn scherzhaft “meinen Mitbewohner”. Sie denken, das sei ironisch gemeint und er auch, sie denken, dass wir nach wie vor noch ein Liebespaar wären, aber seitdem die Kinder da sind, hat sich was zwischen uns geändert. Es hat sich was zerrieben, und irgendwann hat einer von uns beiden es nicht mehr ausgehalten, diese dauernde Nähe und nun schlafe ich bei den Kindern und er allein in unserem ehemaligen gemeinsamen Bett. Mir ist das lieber so und die Kinder haben sich daran gewöhnt und abends hat er lieber seine Ruhe und ich bin abends so kaputt.

Ich arbeite Vollzeit und er macht abends noch seine Musik. Unsere Wohnung ist so eng, also ich will abends schlafen, ab zehn fall ich um, kann manchmal gerade noch so kurz ins Internet, ein Rezept nachsehen oder eine Zeitungsmeldung recherchieren, aber dann fallen mir schon die Augen zu und er sitzt manchmal die ganze Nacht am Rechner in unserem ehemaligen Schlafzimmer, was jetzt sein Büro ist und sein Studio. Er hat es auch nicht gern, wenn die Kinder oder ich da hineingehen, weil das ja sein Arbeitsplatz ist, seine private Zone, er hat ja sonst nichts und die Kinder und ich haben doch die ganze Wohnung für uns, also das Kinderzimmer, die Küche, das Bad, das Wohnzimmer. Also die Kinder haben das. Ich habe nichts, aber ich brauche das nicht, denn ich gehe ja täglich ins Büro. Und wenn ich dann nach Hause komme, mache ich manchmal Ärger, weil er nicht eingekauft hatte, oder die Wäsche nicht aufgehangen, die ich am Morgen noch aufgesetzt habe. Ich mache das jetzt lieber selber, dann brauche ich mich nicht zu ärgern. Manchmal vergesse ich was und dann muss ich ihn noch mal schicken, weil ich wirklich nicht mehr kann und das ist dann leichter, wenn ich vorher keinen Ärger gemacht habe, dann erledigt er das gerne.

Ich mach das aber nicht so gerne, ihn in den Supermarkt zu schicken, weil er dann kiloweise Auberginen oder Zucchini anschleppt, weil die im Angebot waren, oder Himbeeren, drei Packungen, die dann im Kühlschrank verschimmeln, oder Kekse. Ich möchte nicht, dass die Kinder Kekse essen und ich bereue es dann doch, dass ich ihn geschickt habe, auch weil er immer so lange braucht und ich dann das Abendessen ohne die benötigte Zutat kochen muss, weil doch die Kinder am nächsten Morgen früh zur Schule müssen.

Dann gibt es doch wieder Ärger und es ist am besten, wenn ich möglichst beim Einkaufen nichts vergesse und deswegen bin ich abends manchmal, ach was, eigentlich immer, so müde.

Wenn ich das meiner Freundin Katja erzähle, dann wird sie immer so zornig und zwar auf mich, weil ich mir das bieten lasse. Dabei ist ihr Mann nie zu Hause, manchmal Monate lang weg, wegen Arbeit. Sie verlangt von mir, dass ich mich feministischer verhalten soll und ich sage, dass mein Mitbewohner doch ganz ok ist, dass wir unseren Weg gefunden haben. Es sei denn, ich werde doch manchmal wütend auf ihn und dann sagt er, ich solle meine Einstellung überdenken.

Manchmal möchte ich mich gern trennen, aber das Problem ist dann, dass er mit seinem Musikkram die Hälfte zur Miete beisteuert und ich ohne ihn mit meinem Gehalt nicht auskäme und Unterstützung beantragen müsste und ich möchte nicht vom Amt gebeutelt werden und ich möchte den Kindern ermöglichen, dass sie einigermaßen sorgenfrei aufwachsen, das heißt, nicht Kinder von getrennten Eltern sind und einer depressiven alleinerziehenden Mutter. Alleinerziehend bin ich jetzt auf eine gewisse Art auch schon und ohne ihn könnte ich mir diesen Bezirk hier nicht mehr leisten.

Wenn überhaupt, dann müsste er sich trennen. Er droht mir auch schon manchmal damit und dann bin ich fast ein bißchen erleichtert, weil ich dann nicht schuld wäre, sondern er. Wenn ich ihn rauswerfen würde, dann häte ich nicht nur den Scherbenhaufen, sondern auch noch die Verantwortung selbst daran schuld zu sein und dafür fühle ich mich zu schwach. Ich würde die Vorwürfe meiner Kinder nicht ertragen. Wenn wir auf einmal Geld vom Amt bekommen müssten und wir könnten dann nicht mehr verreisen oder essen, oder ins Kino gehen.

Aber das ist ja alles Unsinn. Manchmal vergesse ich, dass wir kein Paar mehr sind. Das ist das Problem. Und wenn ich das vergesse, dann verliere ich den Respekt oder fühle mich unglücklich oder benachteiligt, dabei brauche ich das nicht zu sein, denn er ist mein Mitbewohner und ein sehr okayer dazu, denn er kocht manchmal und setzt die Wäsche auf und kümmert sich manchmal um die Kinder. das wäre schwieriger, wenn er nicht mehr hier wohnen würde.

Ich muss einfach lernen, mehr auf mich zu achten und noch mehr Verantwortung für mich zu übernehmen. Sonst verändere ich mich zum Schlechten, wie er sagt. Denn er hat da eine Veränderung an mir wahrgenommen. Ich soll an meiner Einstellung arbeiten, denn er würde sich das nicht mehr lange bieten lassen. Also, dass ich ihm Ärger mache. Ach das habe ich schon gesagt. Ich würde mich irrational verhalten, sagt er und ob ich meine Periode hätte oder bald bekommen würde.

Die Bullen haben bei G20 eskaliert, sagt er als ich sein Zimmer betrete. ich kenne mich nicht so aus, habe keine Lust, mich in die Details einzulesen. Wahrscheinlich stimmt beides. Es scheint, als wäre ich die Bullen und er der schwarze Block, am Ende weiß auch keiner mehr, wer angefangen hat.

Manchmal sehe ich mir so andere Paare an, welche mit Hund und frischgewaschenem Haar, in Steppjacken mit Korb auf der Kollwitzstraße und dann sehe ich plötzlich deren Wohnnung vor mir. Rattansessel und Kissen mit Blümchen darauf. Ein Glastisch vor der Rattancouch. In der Küche bäuerlich anmutendes Geschirr und Basilikum im Fenster, aber nicht schlapp und verwelkt wie bei uns, sondern grün und straff. Alles ist sauber, weil zwei Mal die Woche Putzfrau. Der Hund hat ein hübsches Körbchen in der Ecke hinter der Balkontür. Ich bin nicht neidisch, denn mich ekelts vor dem Hund. Obwohl er sicher gut erzogen ist. Nur manchmal bellt er, wenn ein Vogel auf der Terrasse landet o.ä. Auf der Terrasse Geranien und Fuchsien. Ein weißer Sonnenschirm. Die Bücher hinter Glas, wegen des Staubes. Berlin, eine interessante Stadt.

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