Baden gehen in Brandenburg, aber als kostenloses Strategiespiel

Es gibt ja nichts Schöneres, als bei 30 Grad zu Hause zu bleiben. Schlafen bis Mittag, die Vorhänge werden nicht aufgemacht. Kühles Halbdunkel, ewige Dämmerung. Und dann am Kaffee Rechner trinken und interessante Musik hören. So verschollene 80er Jahre Sachen, Zenit und Pink Rhythm und Sonya Spence, das gibt so ein New York Feeling.  Sich vorstellen, man bewohne ein Loft mit Saxophon und Synthesizer und Verkehrssound von der Straße und ab und zu ein Schwall Hitze, wenn man zu nah ans Fenster geht. Als Kind war es am schönsten auf dem Landhaus, wenn alle anderen am See waren, aber ich habe im dunklen Wohnzimmer „Unsere kleine Farm“ auf dem Schwarz- Weiß- Fernseher geguckt. Ich wollte dicke Zöpfe wie Laura haben und einen Vater wie Michael Landon. Aber mit Kindern darf man sonntags nicht mehr zu Hause bleiben, weil man ihnen ja eine schöne Kindheit bereiten muss. Wir saßen dann um halb zwei im Auto und sind an den Dramasee gefahren, aber da war es so dermaßen voll, der ganze Acker voller Autos und auf der Liegewiese kein Platz mehr und deswegen wollten wir beim Geheimhaus übern Zaun klettern, aber da war schon Volker, sagte mir Gabi am Telefon und Volker mögen wir nicht, denn Volker ist ein Arsch, also mussten wir weiter. Es soll ja in Brandenburg so viele schöne Seen geben, aber ich trau mich nicht hin, wegen der Hunde. Ich hasse Hunde, die so ins Wasser rennen und bellen und sich schütteln, und die meisten Leute haben kein Problem damit, sondern sogar selber Hunde und das ist das Problem. Wo andere eine Badestelle sehen und einen schönen See, sehe ich Hunde. Wir konnten dann also nicht ins Strandbad und nicht übern Zaun und dann sind wir weitergefahren, auf die andere Seite vom See, wo es einen öffentlichen Steg geben sollte, wir wollten jetzt einfach nur noch kurz ins Wasser, uns war alles egal.

Wie oft bin ich diese Strecke schon gefahren. Wenn ich alt bin, dann werde ich nicht mehr wissen, mit welchem Mann und welchen Kindern ich den Dramasee umkurvt habe, auf der Suche nach einer Lücke im Schilf. Und an welchem wackligen Steg wir dann gelandet sind. Wo dann immer ein tätowiertes Gaypaar ganz vorne auf dem Steg liegt und nicht baden geht und nicht redet und sich nicht bewegt. Dahinter ein zerstrittenes Heteropaar. Also sie sitzt allein auf dem Steg, hinter den Schwulen, die Knie an die Stirn gezogen, ein Tuch auf dem Kopf, also kein Kopftuch, sondern ein normales Tuch, um ihre Tränen zu verbergen, und er sitzt am Ufer, im Schlamm, an der einzigen Stelle am Ufer wo man sitzen kann, also wo es kein Schilf und keine Brennesseln gibt, sondern nur schwarzen Schlamm und er liest Robert Harris. Zum Mikrokosmos am Steg kommen jetzt wir dazu und ich will rauschwimmen, muss aber mit den Kindern planschen. Zum Glück wollen sie nur im flachen Wasser herumlaufen und stellen keine weiteren Ansprüche. Wollen nicht nassgespritzt werden, oder ins Wasser geworfen, oder Ball spielen. Trotzdem wird mir schnell kalt vom im flachen Wasser rumlaufen, außerdem sind da ja noch andere Leute auf dem Steg und ich habe nur einen Bikini an.

Ich will aber nicht so lange vor anderen im Bikini rumlaufen. Das ist das Problem, wenn man als Mutter mit Kindern baden geht, dass man vor Fremden im Bikini rumlaufen muss. Natürlich glotzen die nicht, wir sind ja nicht in Ägypten, aber trotzdem. Normalerweise geht man schwimmen, dannn ist der Körper unter Wasser und dann sieht einen keiner, und danach liegt man ruhig herum und liest, aber mit Kindern muss man andauernd auf Achse sein. Bälle werfen und Stöckchen holen und Mützchen aufsetzen, Snacks zubereiten, planschen und alles halbnackt vor Fremden. das ist so peinlich.  Außerdem wird mir kalt, wenn ich nur so nur so halb im Wasser bin. Die Kinder merken das ja nicht weil ihnen das Wasser bis zum Hals steht, wenn es mir nur bis zur Hüfte geht, wenn überhaupt. Mein Mann zieht sich gar nicht aus, obwohl er ein richtiger Badehecht ist, aber ihm ist die Situation wohl auch zu intim und er wartet bis ich mit den Kindern fertig geplanscht habe, damit er nicht planschen muss. Ich plansche aber nur ganz kurz mit den Kindern, da haben sie Pech gehabt. Sie können doch auch alleine planschen, oder? Mein Mann raucht und zieht sich nicht aus, weil er auch nicht in Badehose vor den fremden Leuten herumhampeln will. Oder ist so ein „Never Nude“, wie Tobias Fünke aus Arrested Development, aber ich kenne ihn ja und weiß, er ist es nicht, haha 😉

Als die Planschgefahr vorbei ist, also ich mit den Kindern in nasse Handtücher gewickelt, auf dem kleinen Abschnitt des Steges sitze, der noch frei ist, geht er ins Wasser. Er fragt mich, ob ich mit ihm zusammen rausschwimmen will. Ja klar und die Kinder bleiben allein auf dem Steg.

So geht er nun allein schwimmen, macht also das was ich machen wollte und  ich räche mich dafür, indem ich noch mal ganz lange allein schwimmen gehe, als er wieder zurück ist. Nun muss er mit den Kindern planschen und ich bin allein auf dem Wasser, endlich und ich tauche und das Wasser ist grün und es gibt nur Bäume am Ufer und keine Häuser sind zu sehen, man könnte  meinen, man sei in Kanada, es ist wahnsinnig schön. Leider gibts keine Berge am Horizont und ich fühle mich so vital beim Schwimmen. Man sollte öfter schwimmen gehen, wir sollten andauernd schwimmen gehen, wir sollten morgen wiederkommen, wir sollten uns ein Haus am See kaufen und jedes Wochenende hinfahren und den Rasen mähen, wir sollten gleich am See wohnen, überhaupt nicht mehr nach Berlin zurück fahren, aber dann lieber ein Haus in Südfrankreich kaufen, als in Brandenburg, wegen des Wetters und des besseren Essens und dann im Mittelmeer baden und nicht in so einer grünlichen unsalzigen lauarmen Lorke wie hier im Dramasee und jetzt schwimme ich ans Ufer zurück. Neue Leute sind gekommen. Noch mehr Kinder. Und ein kleiner Hund. Zeit zu gehen. Na gut, noch fünf Minuten aufwärmen. Das Pärchen hat sich versöhnt, zumindest sitzt er jetzt neben ihr auf dem Steg und ich setze mich in den  Schlamm, da wo er vorher gesessen hatte und meine kleine Tochter läuft alleine im Flachen herum, und ihre Nase läuft auch und sie hat überhaupt keine Angst zu ertrinken und mein Mann betritt unbefugt das private Nachbargrundstück und hat überhaupt keine Angst, erwischt zu werden und der kleine Hund bellt und hat überhaupt keine Angst, dass ich ihm gleich eins mit dem Knüppel übern Schädel gebe. Ich überlege, ob ich mein Buch aus der Ikeatasche hole, so lange mein Mann und die Kinder es hier noch aushalten, könnte ich den unsagbar dummen Roman „Reinheit“ von Jonathan Frantzen, durch den ich mich seit Wochen quäle, weiterlesen. Ich bin jetzt auf den letzten 200 Seiten und immer noch werde ich mit detaillierten Sexszenen, schlechten Dialogen und Küchenpsychologie gequält. Ich könnte auch Fotos machen, vom See und vom Steg und von den Kindern, zur Erinnerung, aber ich will mein Handy jetzt nicht anfassen. Höchstens um kurz News zu checken und Facebook und was zu twittern, aber hier gibts nur Edge und das Schöne ist, dass wir jetzt wieder nach Hause fahren.

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Published on: Mai 29, 2017

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