Austern vorübergehend geschlossen

Ich sehe meine Wohnung jetzt mit ganz anderen Augen. Die letzte Mieterhöhung ist doch schon viel zu lange her! Sind da nicht schon Risse in der Decke? Warum liegt hier eigentlich Staub rum? Ist das jetzt schon der Anfang vom Ende?

Berliner Zeitung vom 12.12.2019 Seite 9

Letzte Woche schrieb ich an dieser Stelle, dass ich aufgrund von Stimmung und Wetter nur noch wohnen würde, und sonst gar nichts. Aber wohnen muss man sich leisten können. Gut, dass es in Berlin jetzt den Mietendeckel gibt. Dann ist ja alles in Butter, dann kann ich ja beliebig lange weiterwohnen, wie schön!

Aber der Mietendeckel ist umstritten. Er soll gegen die Verfassung oder gegen das Grundgesetz verstoßen, wenn nicht sogar gegen die Menschenrechte!

Das ist bedauerlich, das würde ich auf keinen Fall wollen, dass durch gedeckelte Mieten, Menschen oder Bausubstanzen Schaden zugefügt werden würde. Zum Beispiel könnten aufgrund des Mietendeckels energetische Sanierungen nicht mehr durchgeführt werden, sagen die Mietendeckelgegner. Vermieter würden sich aufgrund mangelnder Rechtssicherheit nicht mehr trauen, Styropor an Altbauwände zu kleben, um damit 70-Prozentige Mietsteigerungen zu begründen.

Oder „dringend notwendige Sanierungen“ würde man des Mietendeckels wegen, auf Eis legen müssen.

Oh Gott, oh Gott!

Demnächst wird in Berlin ein Gebäude nach dem anderen kollabieren. Berlin, wie wir es kennen und lieben, wird zu Staub zerfallen. Putz wird bröckeln, Leitungen werden verrosten, Dächer werden sich entziegeln, Stromleitungen funkenschlagend herabbaumeln!

Ich sehe meine Wohnung jetzt mit ganz anderen Augen. Die letzte Mieterhöhung ist doch schon viel zu lange her! Sind da nicht schon Risse in der Decke? Warum liegt hier eigentlich Staub rum? Ist das jetzt schon der Anfang vom Ende?

Aber es besteht noch ein letzter Funken Hoffnung. Vielleicht können ein paar wagemutige Widerständler das Ruder in letzter Minute herumreißen! Die Wohnungswirtschaft wehrt sich! Am Montag, den 9. Dezember zum Beispiel, demonstrierten am Brandenburger Tor etwa tausend Mutige gegen den Mietendeckel.

Am Montag blieben die Austern vorübergehend geschlossen, denn die Makler protestierten! Vielleicht war das der Beginn einer neuen Protestbewegung? Kommt jetzt nach: #fridaysforfuture #mondaysfor money?

Makler gegen den Mietendeckel! Ich war so froh, das zu hören, denn der verzweifelte Schrei nach Geld darf nicht ungehört verhallen! Gegen hohe Mieten hilft nur bauen, bauen, bauen wurde gesagt. Und bauen müsse sich lohnen.

Recht haben sie: Man sieht ja an Städten wie London oder Paris, dass dort dank ungedeckelter Mieten riesige Mengen bezahlbaren wunderschönen Wohnraums für Bevölkerungen aller Schichten in unbegrenzter Menge zur Verfügung stehen.

Die Lage in Berlin aber ist inzwischen so brisant, dass sogar meine jüngere Schwester mich schon fragt: „Ist es wirklich so schlimm mit dem Berliner Wohnungsmarkt?“

„Nein, im internationalen Vergleich steht Berlin noch ganz gut da.“ fasse ich das Ergebnis meiner diesbezüglichen Recherchen zusammen.

Sie sagt: „Ach schön.“ Ich nicke. Wenn alles gut läuft, kann ich in Ruhe weiterwohnen.

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