Am Potsdamer Platz

Ich mag ja so Texte/ Arbeiten/ künstlerische Produktionen die um sich selbst kreisen, also um den ausführenden Künstler. Deswegen beschließe ich in den Film „Fra Balkonge“, „Vom Balkon“ von Ole Giæver zu gehen, der auf der Berlinale läuft. Es geht um so eine Art Bewusstseinsstrom des Filmemachers, der die Welt und sich selbst von seinem Balkon aus betrachtet. Der Film läuft heute Abend um 22: 45 am Potsdamer Platz. Ich müsste um spätestens 22 Uhr das Haus verlassen, zur nächsten U- Bahnstation gehen und könnte dann 18 Minuten „durchfahren“ ohne umzusteigen. Fahrschein muss ich mir auch noch kaufen.

Muss ich mit einkalkulieren. Der Film dauert 85 Minuten. Ich rechne also 22:45 plus 85 Minuten. Ich bin nicht so gut mit Zahlen. Also wenn ich mich nicht vertan habe, komme ich um 00:15 aus dem Kino. Mir wird kalt sein, weil ich so müde bin. Weil ich allein bin, werde ich mit niemandem über diesen Film sprechen können. Nun muss ich wieder zur U- Bahn. Fährt die so spät überhaupt noch? Ich glaube ja. Bin ich also frühestens um fünf vor eins wieder zu Hause. Erfroren und einsam. „Na wie wars?“ wird mein Mann sagen. Ich werde ihm kurz was zum Film erzählen, aber nur kurz, ich würde ja auch nicht wollen, dass er mir lange Zusammenfassungen von norwegischen Experimentalfilmen erzählt. Ich könnte auch noch eine Freundin mit ins Kino nehmen. Da müsste ich aber erstmal überlegen, welche. Die auserwählte Person müsste ich dann von diesem Film überzeugen. Wahlweise durch einen kurzen Pitch, oder indem ich ihr den Link zur Programmvorschau sende. Das dauert wieder. Erst werde ich die ausgewählte Freundin nicht erreichen, weil sie noch arbeitet. Dann braucht sie eine Weile um sich zu entscheiden, wenn sie nicht sofort absagt, weil sie morgen früh raus muss, wegen der Arbeit. Oder weil sie krank ist, oder weil sie der Film nicht interessiert. Dann muss ich eine andere Freundin fragen und das ganze Theater geht von vorne los. Außerdem haben wir noch nicht mal Karten. Das heißt, wir müssten vielleicht etwas früher zum Kino fahren, um früher dort zu sein und uns da anstellen um eventuell Karten zu bekommen, was natürlich nicht sicher ist, denn Berlinale Filme sind ja ganz gerne mal ausverkauft. Obwohl es natürlich durchaus sein kann, dass ein experimenteller norwegischer Nabelschaufilm, der Montagabend um 22:45 am Potsdamer Platz (Arsch der Welt) läuft, vielleicht nicht ausverkauft ist. Aber das kann man vorher nicht sagen, deswegen müsste man eben hinfahren. Aber was machen wir, wenn wir keine Karten mehr für den Film bekommen? Dann stehen wir bei Minus zehn Grad in finsterster Nacht inmitten dieser seelenlosen Architektur herum, müssen durch die Eiswüste zur U- Bahn zurück und sofort nach Hause. Nein, nicht noch was trinken gehen, nein, auch nicht zur Revolver Party ins Ritter Butzke fahren, auf gar keinen Fall, ich bin jetzt schon müde und erkältet. Ich könnte die Karten auch online kaufen, zuzüglich 1,50 „Bearbeitungsgebühr“. Also Bearbeitungsgebühr dafür, dass ich meine Adresse, Telefonnummer, Geburtsdatum und Emailadresse eingeben soll und ob ich ein Herr oder eine Frau bin und meine Kreditkartendaten, aber irgendwas stimmt nicht. Also „die Zahlung konnte nicht durchgeführt werden“ sagt das Programm, obwohl Geld auf dem Konto ist, sagt mein Mann. Ich könnte natürlich die andere Kreditkarte nehmen, aber ich will nicht mehr, ich will doch lieber zu Hause bleiben, vielleicht bin ich doch schon zu alt für experimentelle norwegische Filme, die Montag Nacht in der Eiswüste laufen, aber schade ist es doch. Vielleicht kann ich den ja irgendwann mal streamen.

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Published on: Februar 13, 2017

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