Also was sprach Zarathustra

War im Theater. Die Frau neben mir aß eine Banane. Dann sah sie mich von der Seite an. Ich schaute zurück und sah, dass sie mich nicht von der Seite anschaute, sondern nur den Kopf so schief gelegt hatte, weil sie ihren Zopf um den Finger wickelte. Das müsste ich gestisch vormachen, wenn ich jemandem den Text vorlesen würde, jetzt müssen die spärlichen Worte reichen, um sich ihre Kopfhaltung vorstellen zu können. Dann legte ihr Freund seine Hand auf ihr Bein und sie flüsterten einander etwas ins Ohr. Dann Schweigen. Auf der Bühne sagte jemand etwas Anstößiges. Sie stöhnte entsetzt auf. Ihr Freund flüsterte ihr wieder etwas ins Ohr. Dann spielten sie etwas Lustiges. Ich lachte. Sie nicht. Dann schaute sie mich wieder an. Also sie wickelte ihren Zopf um den Finger. Dann schaute sie geradeaus. Ich schaute sie an. Sie hatte sehr dicke Backen. So dick, dass sie sich prall nach vorne wölbten, dass sie über ihr Gesicht hinausragten, obwohl ich sie doch nur von schräg hinten sah, denn sie hatte sich jetzt nach vorne auf die Knie gestützt. Ihr Freund wühlte in seiner Tasche und packte Lollis oder so etwas aus. Er wickelte fürsorglich den Lolli aus und gab ihn ihr. Ihr Freund sah aus, wie ein Robin Hood Darsteller aus einem belgischen 70er Jahre Film. Lange blonde Haare und Schnurrbart, männlich vortretendes Kinn, aber trotzdem hässlich. Sie lutschte den Lolli. Sie lehnte sich wieder zurück und stöhnte, weil auf der Bühne etwas Anstößiges gesagt wurde. Sie aß eine Stulle. Sie schaute auf ihr Handy. Sie sagte „Oh Gott.“ weil auf der Bühne etwas Anstößiges passierte. Dann schaute sie mich wieder an. Also wickelte ihren Zopf um den Finger. In der Pause waren sie leider nicht gegangen, obwohl ich fest damit gerechnet hatte. Beziehungsweise sehr darauf gehofft. Ich konnte mich aber auch nicht woanders hinsetzen, weil niemand gegangen war. So gut war die Inszenierung. Sie trank Wasser aus einer Flasche. Erst aus ihrer Flasche, dann aus der ihres Freundes. Sie aß ein Bonbon. Sie aß noch eine Banane. Sie schaute mich an. Bzw. wickelte sich den Zopf um den Finger. Dann war das Theater vorbei. Sie jubelte und kreischte und jodelte, als der Schauspieler Volker Racho sich verbeugte. „Wuhu Volker!!!“ rief sie und schlug ihren Freund begeistert auf die Schulter. Ich überlegte, ob ihr Freund eifersüchtig war, aber er gab ihr nur einen Keks. Immer wenn sie schrie und jubelte, hörte ich aus Solidarität oder aus einem anderen Gefühl mit dem Klatschen auf. Ich wollte wahrscheinlich nicht mit ihr zusammen klatschen.

Danach bin ich noch mit Rainer Zufall ins Barrestaurant gegangen. Rainer war schon blau und auch ihn störten die Leute nebenan. Sie lachten nämlich zu laut. Rainer imitierte das meckernde Lachen der Frauen durch meckerndes Lachen. „Lass das, Rainer!“ sagte ich, aber Rainer machte so lange weiter, bis sich die ganze Tischgesellschaft zu uns umdrehte. Sie prosteten uns zu und entschuldigten sich für das Gelächter und sie sagten, dass sie Geburtstag feiern würden. Also den Geburtstag von Anna Log und von Anna Nym und von Klara Zufall. Das ist voll ok, sagte ich und Herzlichen Glückwunsch und auf dem Klo fand ich noch ein paar Krümel Koks und dann bestellte ich noch ein Bier und der Typ der an dem Tisch auf der anderen Seite von uns saß, pöbelte die Leute am Tisch vor ihm an, weil die ihm den Aschenbecher weggenommen hatten und Rainer Zufall pöbelte daraufhin ihn an, weil er die Leute anpöbelte und ich sagte, „Rainer lass das“, aber Rainer hörte nicht auf und so kamen wir mit dem Typen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass es sich um den Schauspieler Volker Racho handelte.

Jetzt erkannte ich ihn auch. Ich ging aufs Klo, wo ich noch ein paar Krümel Koks fand und als ich zurückkam, fand ich, dass Volker Racho eigentlich ganz gut aussah und ich überlegte, ob es Sinn machen würde, mit ihm ins Bett zu gehen. Vielleicht könnte er mir ja als Dank eine Rolle am Theater besorgen, eine Hauptrolle bei Marie Huana oder Lasse Rinström. Aber er war ja nur Schauspieler und kein Intendant. Andererseits vielleicht könnte ich dann mal Freikarten bekommen. Wir könnten wir zu mir gehen und es auf dem Sofa in meinem Arbeitszimmer treiben. Wir müssten nur sehr leise sein, um meinen Mann und die Kinder nicht zu wecken. Nun war das Gespräch aber schon auf Nietzsche gekommen und der sexuelle Moment war vorbei. Volker Racho wurde laut und ich fand ihn jetzt nicht mehr gut. Ich kann zu Nietzsche nichts sagen. Ich weiß nur, dass er schwul war und einen hässlichen Schnurrbart hatte und dass Wagner ihn mochte oder umgekehrt.

Rainer Zufall und Volker Racho stritten jetzt über Zarathustra. Beziehungsweise „Zaaarrrrathustrrra“ wie es Volker Racho aussprach, denn er war Schauspieler. Sie beschuldigten sich gegenseitig, nicht zu wissen, wer Zarathustra wirklich gewesen sei und ich hatte dazu nichts beizutragen, weil sich mein Interesse für Nietzsche relativ in Grenzen hält. Ich weiß nicht, ob ich schon erwähnt habe, dass ich zu Nietzsche relativ wenig sagen kann, weil mich Nietzsche relativ wenig interessiert. Zarathustra allerdings, also Zoroaster war der Begründer der Religion der Zoroastrier, bzw. Parsen. Das ist eine sehr gute Religion, weil man nämlich kein Parse werden kann. Dadurch kommt niemand in Gefahr, von der parsischen Religion behelligt zu werden. Man wird als Parse geboren und wenn nicht, hat man Pech gehabt. Nur Parsen ist es gestattet, parsische Tempel zu betreten. Das ist gut, man muss sich also auf Reisen keine parsischen Tempel anschauen, man hat ja sowieso schon genug mit all den Kirchen und Moscheen und Tempeln zu tun. Die Parsen beten das Feuer an und das macht Sinn, denn das Feuer ist wenigstens da und man braucht nicht dran zu glauben, denn dass es Feuer gibt, wird ja wohl niemand bestreiten wollen. Ihre Toten bestatten die Parsen in den Türmen des Schweigens, dort werden die Leichen hineingelegt, um von Geiern und Raben gefressen zu werden.

Ich verließ den Kampfplatz von Rainer und Volker und ging nach Hause, wo ich im mich auf das Sofa im Arbeitszimmer legte und den Fernseher einschaltete und mir auf BR alpha eine Doku über den 90. Geburtstag unseres ehemaligen Papstes Josef Ratzinger ansah. Ratzinger ist ein guter Mann und seine Fehler hat er alle nicht so gemeint und er wurde oft falsch verstanden und das haben er und ich und Zarathustra gemeinsam.

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Published on: April 28, 2017

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