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Alles für die Kunst

Die nächste Arbeit ist kaum zu sehen. Der Ruß an den Wänden der alten Fabrikhalle schluckt das Licht. Außerdem werde ich von den Scheinwerfern geblendet, deren Strahlen gegen den Ruß ankämpfen. Ich kann auch nicht näher an die Arbeit herantreten, denn da ist eine schwarze Pfütze auf dem Boden. Zum Glück habe ich wasserdichte Turnschuhe an, aber Gummistiefel wären besser gewesen. Warum können wir uns nicht in einem hellerleuchteten warmen und sauberen Loft in Berlin Mitte treffen, wie damals, als es mit uns losging und warum kostet der Sekt auf Eis hier 5 Euro? frage ich die Kunst. Damals in Mitte gabs den doch immer umsonst?

Die Kunst zuckt die Achseln. Ach ja. Sie hat eben kein Geld mehr.

Sie lässt sich von mir eine Zigarette geben und wir sehen uns ein bißchen in die Augen. Ach, ist das schön.

“Warum magst du mich eigentlich?” fragt mich die Kunst. Ich mag solche Fragen ja nicht. Ich spreche ungern über meine Gefühle. Aber ich muss antworten. Ja, ich muss. Ich kann ja jetzt nicht mit den Achseln zucken und “Weiß ich nicht” sagen. Die Kunst hat eine hohe Meinung von mir. Ich darf sie nicht enttäuschen. “Weil du hübsch bist.” antworte ich nach kurzem Zögern. ”Ich mag auch deinen Kleidungsstil.” setze ich hinzu. Mehr fällt mir jetzt beim besten Willen nicht ein. Die Kunst hat kein Geld und meistens schlechte Laune, aber ich gehe gerne mit ihr ins Bett. Als Kunstliebhaberin bin ich eben ein bißchen maso.

Aber manchmal geht sie echt zu weit. Sie trinkt zu viel und sie spricht undeutlich und hört schlecht. Schon allein deswegen verstehe ich die Kunst nicht, aber genau das macht sie so doch interessant. Wenn man sie leicht verstehen würde, dann wäre es doch keine Kunst.

Reiche Amerikanerinnen mit Stöckelschuhen und Statement Bags haben es hier nicht leicht, aber sie trinken tapfer ihr Berliner Pilsener und vermeiden es, sich zu viel zu bewegen. Die Kunst tut so, als sei es ihr egal, dabei ist doch allein schon ihre Existenz ein Beweis für ihr konstantes unstillbares Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung. Aber was ist mit mir?  Ich brauche ebenfalls Unmassen an Liebe und Aufmerksamkeit, das müsste sie doch wissen. Sie hätte mich nicht hierher bestellen dürfen. Ich fühle mich erniedrigt. Andererseits macht mich genau das ja so geil. Ach ja, immer diese Spielchen.

Der Boden der alten Fabrik besteht abwechselnd aus Teer, Schotter, Kohlenstaub und Pfütze. Anselm Kiefer soll kürzlich das Gelände gekauft haben, höre ich jemanden sagen. Ja, es gibt auch Kunst mit Geld, aber die läuft mir nie über den Weg. Ich gehe von Halle zu Halle, von Skulptur zu Videoinstallation zu Ölbild, zu Collage, zu Eisenhaken die aus den Wänden ragen. Das kann doch nicht gut für die Kunst sein, der Russ und der Kohlenstaub? Sie sollte etwas besser mit sich umgehen, aber der verdammte Selbsthass treibt sie immer wieder an diese schmutzigen Orte. Es gibt Leute, die sagen, ich soll aufhören, mich immer wieder mit Kunst einzulassen und es stattdessen mal mit Arbeit oder Geld probieren, aber ich kann einfach nicht anders.

Ich mache ein Selfie vor einer riesigen Deutschlandfahne und nutze die Gelegenheit mir das verlaufene Mascara aus den Augenwinkeln zu reiben. Jetzt bin ich auch wieder schön.

Die Kunst dreht mir den Rücken zu. Ich weiß ja, dass die Kunst mich auch mag, aber sie sollte es mir viel viel mehr zeigen.

Manchmal denke ich, dass ich mich viel zu viel mit der Kunst befasse und mich mal lieber um die wirklich wichtigen Dinge kümmern sollte. Aber es ist wie eine Sucht.

Zum Glück gibts in Berlin Kunst an jeder Ecke. Aber es ist trotzdem nicht leicht, die Kunst zu finden, die zu einem passt.

“Alle meine Beziehungen sind gescheitert.” sagt mein Begleiter. Meine auch, sonst würde ich zu Hause im Bett liegen, neben meinem Mann und Serie gucken, anstatt hier Samstagnacht in Reinickendorf mit der Kunst durch schmutzige Industriebrachen zu streichen. Aber so komme ich wenigstens mal raus. Plötzlich fällt mir ein, warum ich die Kunst noch mag.

“Wegen dir komme ich mal von zuhause raus und woandershin als immer nur zu Edeka und Rossmann. Mal in die S- Bahn, mal nach Reinickendorf, mal unter Leute.”

Die Kunst hört mir nicht zu. Ich habe die Nase voll und lasse sie stehen, drehe mich um und gehe fort, aber dann ruft sie meinen Namen und läuft mir hinterher, also bleibe ich bei ihr und wir beschließen, hier demnächst zusammen abzuhauen und tun es.

Im grellen Licht auf dem S- Bahnsteig sehe ich, dass in meinem Plastikbecher mit dem Sekt auf Eis, Rußteilchen schwimmen. Die Kunst lässt sich von mir ein Taschentuch geben, taucht es in das rußige Sektwasser und putzt sich damit den Ruß von den Vans.

Als wir wieder in Mitte sind, wollen wir im O was trinken, aber da ist es zu laut und zu voll und im F auch und im G auch und im P auch und ich bin müde und will nach Hause und mich mit der Kunst auf die Matte legen, aber die Kunst will noch nicht und dann landen wir im Ü und dann kommen noch die U und der C und dann bin ich wieder wach und die Kunst legt sogar mal kurz die Hand auf mein Knie. Das ist so schön, denn ich bin doch auch sensibel und ich sehne mich so sehr nach einer Kunst, die merkt, wie sensibel ich bin und mir all die unendlich viele Aufmerksamkeit und Liebe gibt, die ich brauche. Aber die Kunst sagt, ich soll mich nicht so anstellen und sie hätte zu viel Respekt vor mir, um mich wie ein Kleinkind zu behandeln. Ich halte diesen ganzen Respekt nicht mehr aus und gebe der Kunst meine letzte Zigarette, weil sie dann vielleicht später irgendwann noch mal ihre Hand auf mein Knie legen wird.

Ein Gedanke zu „Alles für die Kunst

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