Alle sind viel sensibler als ich

Monatelang sieht man sie nicht.
Grau ist der Himmel, grau sind die Tage, grau die Herzen, grau die Hirne.
Dann ist sie da, die Sonne.
Die Temperaturen steigen von minus 7 auf 27 Grad im Schatten, von einem Tag auf den anderen.
Man erhebt sich das erste Mal seit Monaten aus dem Bett, öffnet das erste Mal seit Monaten die Vorhänge und zieht sich was an.
Was eigentlich?
Ich weiß gar nicht mehr, was ich anziehen soll, ich habe mich schon so lange nicht mehr angezogen.

Ich stehe splitternackt und ratlos vor dem Kleiderschrank.

Dann bekleide ich mich.

Erst mal einen Bikini, dann einen Badeanzug, Jeansanzug drüber, selbstgestrickte Wollsocken drunter, an die Füße High Heels und Flip-Flops und zum Schluss zwei Funktionsjacken, eine von  Nordgesicht und eine von Hans Wolfshaut.
Sicher ist sicher.
Ich will ja nicht schon wieder einen Schweinegrippe- Rückfall bekommen.
Auf der Straße taumle ich vor mich hin, eiere herum wie ein frischgeschlüpfter Schmetterling, blinzle in die Sonne.
Ich lächle, das erste Mal seit Ewigkeiten. Es kracht und mir fällt die Kruste aus Rotz und Tränen aus dem Gesicht, die sich im
Januarfebruarmärz gebildet hat.
Die Schmerzensmaske sinkt zu Boden. Zurück bleibt babyweiche Haut, rosig, wie ein frischgepflückter Pfirsich.
Ich bin jetzt wieder ich.
Die Schmerzensmaske trägt der Wind davon, sie zerfällt zu Ascheflöckchen und segelt durch die Luft mit ihren sonnigen Kollegen: den Blütenpollen.
Ich will mich sofort verlieben, es ist Frühling, aber in wen?
Alle tragen Sonnenbrillen, niemand lässt sich in die Augen sehen.
Ja, kaum ist die Sonne da, setzen sie alle ihre geilen Sonnenbrillen auf.
Es liegt daran, dass sie so super sensibel sind, viel sensibler als ich. Megaempfindlich sind die Augen der Großstädter.
Schwarz muss die Welt sein, sie muss aussehen, als würde sie aus dem Inneren eines SUV mit abgedunkelten Scheiben betrachtet.
Aber der wahre Grund ist: Alle haben geweint. Sind schon verliebt. Sind aber natürlich unglücklich verliebt. Wurden abgewiesen und verbergen nun die tränenroten Augen hinter teuren Brillengläsern. Der Winter war ok, aber der Frühling hat ihnen erst das Herz und dann das Genick gebrochen.
Die Kinder der Sonnenbebrillten aber tragen keine Sonnenbrillen, was ich persönlich etwas unverantwortlich finde.
Gerade Kinderaugen und Kinderhaut sind doch viel empfindlicher als die von Erwachsenen.
Gerade Kinder weinen doch andauernd. Sind hingefallen, haben kein Eis bekommen, müssen pullern, können nicht mehr laufen,
wollen auf die Schaukel, wollen andere Apfelschorle.
Entweder sie lieben ihre Kinder nicht, die Sonnenbrillenträger, oder es gibt keine Sonnenbrillen für Kinder.
Das heißt es gibt welche, aber nur bei Rossmann und eine Sonnenbrille muss doch mindestens 300 Euro kosten, um tragbar zu sein.
Ich gründe also einen Onlineshop mit verspiegelten Man- Rays für Babies.
Die Kleinen können ihren Eltern wieder auf Augenhöhe begegnen und ich werde unendlich reich.

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Published on: März 29, 2016

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