After Hour

After Hour

Im blassen Morgenlicht sieht die Haut auf den Rücken und Dekolletés der leichter bekleideten Frauen wellig und grau aus. Ich bin froh, dass ich eine Winterjacke trage. Ich bin dermaßen durchfroren vom Schlange stehen, dass mir nie wieder warm werden wird.

Anderen geht das anders. Sie sitzen bei Minusgraden draußen auf den Stufen im trügerischen Sonnenlicht und quatschen, Dampfwölkchen schweben vor ihren Mündern. Sie spüren die Kälte nicht mehr.

Ich bin auf dem Gesundheitstrip. “Bitte geht rein.” sage ich ihnen. ”Es ist kalt, ihr werdet noch krank.” und “Habt ihr keine Jacken?”

Uns gehts gut, sagen sie, alles ok, mach dir keine Sorgen, lieb von dir, willst du eine Zigarette? Setz dich doch. Neinnein, ich will leben, mir ist kkkalt, ich gehe rein.

Alle tanzen, ich auch. Aber es ist wie verhext, zu Hause, wenn ich Musik im Wohnzimmer höre, stelle ich mir vor, ich sei im Club und würde voll frei und wild tanzen und alle würden bewundern, wie gut ich tanze, aber hier, wippe ich nur so ein bißchen hin und her, rauche, oder habe die Hände in den Taschen meiner Winterjacke vergraben. Mehr Bewegung geht einfach nicht, mehr kann ich nicht. Alle tanzen hier so. Für was anderes ist es zu eng. Für was anderes ist es zu voll. Was anderes würde einfach nicht passen. Man möchte hier einfach nichts tun, was aus dem Rahmen fällt.

Die Musik ist gut, aber auch so genau im Rahmen. Könnte etwas lauter sein, aber eigentlich ist es auch gut, dass sie nicht so laut ist. Das könnte dann vielleicht nerven, da würde man eventuell Ohrenschmerzen bekommen. Klar wäre es schön, wenn es mehr Bässe gäbe. Aber das wäre vielleicht zu krass.

Wir sind hier doch nicht aufm Rave. Nein, es ist gut wie es ist. Angenehm im Rahmen. Schön lau.

Die Leute hier sind auch so wie die Musik. Alle im Rahmen. Nicht zu groß, nicht zu klein, nicht zu dick, nicht zu dünn, nicht zu alt, nicht zu jung. Ausnahmen bestätigen die Regel. Natürlich gibt es eine Alte, eine Schwarze, sogar eine dicke Schwarze und eine Asiatin.

Die Asiatin hat lila Handschuhe geschenkt bekommen, smartphonefähige Handschuhe, sagt sie stolz, mit denen sie auf dem Display herumwischen kann. Die moderne Welt kann so öde sein.

Oben stehen Sofas. Sehr bequem. Ein Mädchen und ihr Freund liegen aufeinander und streicheln sich, schlafen dabei ein. Seine Hand bleibt unter ihrem T- Shirt auf ihrer Brust liegen, sein Kopf ist nach hinten gefallen, sein Mund steht offen. Seine Augen stehen auch ein bißchen offen. Die Pupillen sind verdreht.

Er könnte auch tot sein, er sieht aus, wie ein Toter!

Ich hätte jetzt auch gern einen Mann zum Kuscheln. Nächstes Mal bring ich mir einen mit. Männer muss man sich hier nämlich selber mitbringen.

Die Anwesenden sind alle liiert. Egal mit wem man redet, nach einer Viertelstunde taucht immer die Freundin auf und dann knutschen sie rum.

Gute Jobs haben auch alle. Marketing/ Werbung/ Medien. Feiern bis zum Anschlag, bedenken aber, dass man nächste Woche wieder arbeiten muss.

Sonst könnte man sich das Hier sein auch nicht leisten. Eintritt+Drinks+Drugs+Kippen, das ist teuer!

Ich habe mein Handy verloren und mein Portemonnaie vergessen und alle Zigaretten geraucht und den Wodka musste ich am Eingang abgeben. Ich bin hier wie Hänsel und Gretel in Personalunion. Allein im Wald. Ich muss mich durchschnorren, aber

ich kann noch nicht gehen.

Bei Tageslicht traue ich mich nicht nach Hause. Da müsste ich Ringbahn fahren, ohne Fahrschein. Mit noch normaleren Leuten.

Es dämmert, es wird früher Abend, es wird später Abend. Ich bin fertig, ich bin allein. Nichts wirkt mehr. Alle, die ich kannte, sind schon weg. Alle die noch da sind, sind nicht mehr da.

Ich bin hier in einer Wellnessoase, in denen es allen im Verlaufe des Tages nicht mehr so well geht.

Irgendwann, nachts, als alle anfangen Keta zu nehmen, schaffe ich den Absprung. Wer weiß, ob die S- Bahn noch fährt.

Der Heimweg ist endlos. Irgendwann bin ich zu Hause und kämpfe gegen eine kleine Verzweiflung an.

“Wie wars?” fragt mein Freund.  “Gut.”

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Published on: Januar 6, 2016

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