Aber Gebrüll ist nicht mein Stil

Ich schlafe aus, mache mir einen Kaffee, dann kommt der Kunde.
Ich habe einen 80er Jahre Heimtrainer auf der Straße zum Mitnehmen gefunden und ihn zusammen mit Otto in meine Bude hochgeschleppt. Toby hat mir dann noch zwei olle Hanteln geschenkt und dann blieb mir ja praktisch gar nichts mehr anderes übrig, als mich als private Fitnessstrainerin selbständig zu machen. Wäscheständer muss ich nicht wegräumen, Bett muss ich nicht machen. Das Training ist bei mir viel billiger als im Fitnessstudio.
Behaupte ich mal. Weiß ich doch nicht, was es im Fitnesstudio kostet. War noch nie in einem. Außer einmal Probetraining. War mir peinlich. Ich schicke den Kunden ins Bad, zum Umziehen. Habe extra das Waschbecken geputzt und die Haare aus dem Abfluss gezogen. Der Spiegel überm Waschbecken sieht schmierig aus wie immer, aber das merkt der nicht. So wie der aussieht, schaut der nie in den Spiegel, haha. Ich habe meinen Dress schon an, also Legging und Schlaf- T-Shirt. Während er sich umzieht,  kratze ich noch schnell einen festgekrusteten Dreck vom Hometrainerlenker, wer weiß wie lange der auf der Straße gestanden hat. Ich höre Pissgeräusche. Der pinkelt im Stehen! Jetzt kommt er raus. Hat die Kopfhörer schon auf.
Er drängelt sich an mir vorbei, steigt auf den Hometrainer und tritt volle Kanne in die Pedale. Es schleift und surrt und rauscht. Kein schönes Geräusch. Ich gehe aus dem Zimmer, er ist jetzt total in seiner Welt, fährt Tour de France, oder reitet am Strand. In der Küche gieße ich meinen Basilikum und blättere in den sexuellen Kleinanzeigen des Stadtmagazins. Ich könnte jetzt auch die Spülmaschine ausräumen, aber ich mags ja auch nicht, wenn mein Psychologe sich während der Sitzung die Fingernägel schneidet. Nein, ich räume die Maschine nicht aus, das gebietet der Respekt vorm Kunden! Ach, was solls, ich machs doch. Bekommt er eh nicht mit, unter seinen Kopfhörern. Nachdem ich eine geraucht habe, schaue ich nach ihm. Er ist langsamer geworden und schwitzt. Ich tippe ihm auf die Schulter. Er steigt sofort vom Heimtrainer ab und nimmt die Kopfhörer raus. „Was willste heute machen?“ frage ich ihn. „Bizeps.“ schnauft er. „Hanteln sind unterm Bett.“ Ich sehe ihm zu, wie er auf alle Viere geht, sich lang macht und sie da ganz hinten aus dem Staub rausholt. Er stellt sich vor mich hin, in jeder Hand eine Hantel.
„Arme anwinkeln und abwechselnd hochheben.“ Er steht ungünstig, dass sehe sogar ich.  „Streck mal den Rücken mehr durch. Jetzt die andere Seite.“ Er wechselt die Hanteln von der linken in die rechte Hand und wiederholt die Übung. Ich setze mich aufs Bett und lasse ihn weitermachen, bis er richtig groggy ist. Dann muss er sich auf den fusseligen roten Teppich vors Bett legen, die Augen schließen und atmen. Wegen des „Muskeltonus“ oder so, also nach dem Anspannen ist Entspannen wichtig. Jetzt Liegestütze. Er schafft zehn. „Noch zehn“ sage ich. Nach der Hälfte kommt er nicht mehr vom Boden hoch. Ein normaler Trainer würde ihn jetzt so Bootcamp mäßig antreiben. „Los jetzt, du schaffst es! Quäl dich!“ Aber Gebrüll ist nicht mein Stil. Ich sage einfach nichts und schüttle stumm den Kopf. Ich kann so eine ganz tiefe Missbilligung ausstrahlen, die bisher noch jeden zu Höchstleistungen angetrieben hat. Es klappt auch bei ihm. Er gibt alles. Drückt sich mit rotem Kopf nach oben. Zwei mal noch. Dann bleibt er schwer atmend am Boden liegen. So soll es sein.  Seitdem ich mein Home Fitness Studio vor vier Wochen eröffnet habe, bekomme ich stetig mehr Anfragen. Zu mir kommen ganz verschiedene Leute. Künstler, Musiker, Intellektuelle, Journalisten, Politiker, Polizisten, Kranfahrer, Frauen. Ich überlege, ob ich meinen Klienten noch Smoothies verkaufe. Einfach in der Küche irgendwas zusammenmixen. Aber man könnte vieles machen. Visitenkarten verteilen, Imagefilme drehen, Gutscheine verlosen, Flyer drucken, Vereine gründen, twittern, bloggen, Newsletter versenden. Aber ich lasse das lieber so undercover weiterlaufen, weil ich auch mal Zeit für mich brauche. Zum Schluss darf er noch mal auf den Hometrainer. Ich hänge Wäsche auf, lege mich aufs Bett und daddel auf dem Handy rum. Endlich schlurft er verschwitzt ins Bad. Ich hoffe, er duscht heute nicht wieder so lange wie letztes Mal.

Previous post:
Next Post:

Written by:

Published on: Januar 22, 2017

Filed Under: Text

Tags: , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen