Februar, 2017
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  • Ohne Glanz kein Reflex

    Früher war es so: Wenn man fortging, kam man nie wieder.

    Man zog Schlusstriche, ließ alles hinter sich. Blickte nicht zurück, fing noch mal von vorne an. Verließ seine Familie, oder wurde verlassen. Man erfror im Schützengraben, wurde als Deserteur erhängt, kam ins KZ, verschmachtete im Gulag, wurde Millionär, gründete Sekten in Mittelamerika, Chemiefabriken in Südafrika, wurde von Außerirdischen entführt oder lebte unter falschem Namen für immer unerkannt in Bielefeld. Das einzige was von einem blieb, waren Telefonate einmal im Jahr, oder Pakete mit Nescafé und Jeanshosen zu Weihnachten.

    Heutzutage ist das anders. Wer geht, der kommt wieder. Wer geht, bleibt.

    Wohnungen werden nicht mehr gekündigt, sondern befristet untervermietet, damit man zurück kann, wenn es mit der Hochzeit nicht klappt oder mit dem neuen Job in der anderen Stadt. Man macht auch nicht Schluss, man meldet sich einfach eine Weile nicht mehr. Man kündigt auch keine Jobs, man macht immer noch mehr Jobs.

    Alles ist temporär und reversibel, alles ist befristet.

    Das Internet ist voll mit perfekt eingerichteten Wohnungen die man für drei Monate haben kann. Menschen auch. Nur am Wochenende, nur für drei Monate bis maximal ein Jahr.

    Alles ist befristet, aber dafür auch viel schöner als früher. Und nie vorbei. Man kann immer zurück. Man kann es sich nicht mehr leisten, einen Job, eine Wohnung oder einen Menschen einfach aufzugeben.

    Verflossene Liebhaber lassen sich mit einer Whatsapp Nachricht aktivieren, Jobs gibt man nicht auf, sondern man nimmt immer neue an und den Untermieter kann man schnell aus der Wohnung werfen, wegen Eigenbedarf.

    (Außerdem hat man einen Freund, der eigentlich noch mit seiner Ex zusammen ist, ist selber Untermieter und auf Arbeit ist man nur die Schwangerschaftsvertretung.)

    So hat man irgendwann fünf Jobs gleichzeitig, einen Ex an jedem Finger und etliche untervermietete Wohnungen in der ganzen Welt.

    So lässt es sich leben. Trotzdem haben viele kein Dach überm Kopf, andere nicht mal einen Partner, geschweige denn Expartner oder Jobs. Das liegt daran, weil die einen alles behalten und nichts mehr abgeben. Wenn einer fünf Wohnungen hat, dann fehlen die den anderen. Wenn einer fünf Lover auf Sparflamme hat, dann fehlen die dem Markt. Und wenn einer fünf Jobs hat, dann können die anderen die Jobs nicht machen. Das ist natürlich voll ungerecht.

    Aber es geht nicht anders. Um zu überleben, braucht man fünf Jobs und fünf Expartner und fünf Wohnungen. Das Hartz4 alleine reicht nicht mehr.

    Früher konnte man mit sechs Stunden Arbeit pro Tag und einer zweistündigen Mittagspause eine fünfköpfige Familie ernähren. Mittagessen gabs zu Hause. Schnitzel mit Sauerkraut und brauner Sauce, dazu warmes Bier. Schwein von Mama selbst geschlachtet. Das will doch keiner mehr.

    Es ist schön, wie es jetzt ist.

    Die einen haben alles, die anderen werden Künstler. Wer kein Künstler wird, sitzt im Plattenbau und starrt die Wand an.

    Desegen bin ich lieber Künstler. Ist ganz einfach. Kunst geht so:

    Beim Fotografieren zum Beispiel, ist es natürlich wichtig, Reflektionen zu fotografieren. Dann entstehen gute Bilder. Ein Baum, der sich in einer Pfütze spiegelt, zum Beispiel. Oder das Gesicht einer schönen Frau spiegelt sich in einem Schaufenster. Das ist Blick, das ist Wahrnehmung, das ist der Beweis, dass man es drauf hat. Niemals nur den Baum, niemals nur die Frau. Die Megapixel wollen mehr als das. So ist es auch beim Schreiben. Nie direkt sein, immer reflektiert sein. Damit es Reflektionen geben kann, braucht man glatte Flächen, braucht man Glanz.

    Ohne Glanz kein Reflex keine Kunst kein Geld.

    Ohne Glanz nur Schwangerschaftsvertretung, Untermiete und Tinder.

     

    Februar 24, 2017 • Text • Views: 227

  • Warum ich niemals zu spät komme

    Ich schreibe mir meine Termine immer gleich in den Kalender. Dabei achte ich darauf, sie mir korrekt zu notieren, sprich: Tag und Datum müssen stimmen.

    Bevor ich zum Termin gehe, kalkuliere ich die Länge des Anfahrtsweges ein. Dabei achte ich darauf, dass ich immer noch einen Zeitpuffer habe, um mich gegen Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten abzusichern.

    Ich gehe also 10 Minuten früher los.

    Bevor ich das Haus verlasse, achte ich darauf, rechtzeitig aufzustehen. Auch hier plane ich immer einen Zeitpuffer ein. Mindestens eine halbe Stunde zusätzlich. Dennoch bummle ich nicht herum, sondern halte mich an meinen Zeitplan, damit ich meinen Termin entspannt und pünktlich erreichen kann. Continue Reading

    Februar 22, 2017 • Text • Views: 224

  • Aludibond

    Am Wochenende habe ich nach langer Zeit mal mein Karree verlassen. Bin allein in die U- Bahn gestiegen und allein wieder ausgestiegen. Habe mir Kunst angesehen, die in einem Möbelhaus ausgestellt war. Es war eine surreale Situation. Ein Möbelhaus ohne Möbelhausverkäufer. Außer einem Barmann, der Weißwein für vier Euro verkaufte, gab es kein Aufsichtspersonal. Man hätte einfach ein Bild mitnehmen können. Leider fällt mir das jetzt erst ein. Weil der Eintritt frei war und weil niemand aufpasste, hatten sie alle ihre Hunde mitgenommen. Die Hunde balgten sich auf den Musterteppichen zwischen den Mustersofas. Ich versuchte die Hunde zu fotografieren, aber sie bewegten sich zu schnell. Nach dem Möbelhaus ging ich auf die andere Straßenseite zur Julia Stoschek Collection. Dort gab es eine neue Ausstellung mit Videokunst und ich wollte raus aus dem Regen. Bei Julia Stoschek gab es keine Hunde, dafür aber sehr laut sprechende schick gekleidete Rentner. Natürlich wurde ich sofort aggressiv und konnte mich nicht mehr auf die Videokunst konzentrieren. Aber das war auch nicht nötig. In den labyrinthischen Gängen waren Loops von Vögeln im Dschungel versteckt, oder ultrascharf abgefilmte Blumenvasen auf Tischtennisplatten, oder grobkörnige Archivaufnahmen von Eingeborenen im Dschungel mit durch die Wangen gestochenen Stöckern. Am besten gefielen mir noch die in Zeitlupe gefilmten Papageien in Brüssel. Dann ging ich auf die Toilette und von der ganzen Videokunst inspiriert, fotografierte ich dort herum. Die Klopapierrolle hochkant. Drei Löcher in der Toilettentür. Das Scharnier der Toilettentür. Meine Hand nach dem Händewaschen noch nass im Neonlicht. Bin sehr stolz auf diese Bilder. In 3×2 Meter auf Aludibond werden sie noch besser aussehen.

    Februar 21, 2017 • Text • Views: 248

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