Mai, 2016
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  • Sudoku

    Sudoku ist was für mich alleine. Die Kinder, das Geld, die Wohnung, der Briefkasten, diese ganze Verantwortung strengt an. Da will man in der Freizeit nicht auch noch was Sinnvolles machen. Kein Gang durch die Wohnung, ohne nicht noch ein Fenster zu schließen, eins zu öffnen, einen Bauklotz ins Kinderzimmer mitzunehmen, ein Handtuch aufzuheben und in die Wäsche zu werfen, einen leeren Joghurtbecher in den Müll und den Löffel in den Abwasch zu schmeißen. Kein Spaziergang draußen, ohne nicht gleich noch etwas einkaufen zu müssen. Kein Rumsitzen, ohne nicht zu grübeln, was man kochen könnte, einkaufen könnte und ob man schon den Impftermin für das Kind verabredet hat. Beim Lesen muss man sich immer was vorstellen, oder sich in etwas reinversetzen oder über etwas nachdenken. Bei Filmen wird man entweder bewegt, oder man fängt an, den zu analysieren und am nächsten Tag kann man mit jemandem darüber sprechen. Hast du den Film auch gesehen? Hast du das Buch auch gelesen? Aber über Sudokus kann man nicht sprechen. Man kann nicht sagen: Das war ein super Sudoku, dass solltest du unbedingt auch mal lösen. Oder: Das Sudoku gestern Abend war so schwer. Oder: Das Sudoku war so schlecht, ich musste mittendrin aufhören. Sudokus zu lösen, ist komplett leer und sinnlos. Man wird weder schlauer, noch schlanker, noch reicher davon. Es sind nur Zahlen, Bleistift und Radiergummi, minutenlanges Glotzen auf leere weiße Felder. Es hat überhaupt keinen Mehrwert. Das ist Freiheit. Es ist wie rauchen, etwas nur für mich alleine, nur ohne Gestank und Husten. Sudokus lösen ist leer und macht leer. Leere Zeit, weiße Zeit. Keine Verantwortung, kein Gedanke, nur Zahlen, aber ohne Rechnen, ohne Ergebnis, ohne Konsequenz. Man wird nicht Jahre später denken: Aaahhh, wie ich nicht wusste, ob da eine Eins oder eine Drei hinkommt. Das war so spannend, das war der Hammer. Natürlich mache ich mir ein bißchen Sorgen. Ich muss doch auch mal wieder was lesen. Ich muss doch auch mal wieder einen Film gucken. Ich muss doch auch mal wieder aufräumen, oder mich waschen. Ich muss mich doch auch mal wieder mit meinen Freunden treffen oder die Spülmaschine ausräumen, oder die Wäsche aufhängen. Aber so lange ich nicht weiß, ob da eine Eins oder eine Drei hinkommt, so lange der Bleistift noch schreibt und der Radiergummi noch radiert, geht das eben nicht. Man muss vieles tun, aber was man vor allem tun muss, ist Prioritäten setzen.

    Mai 31, 2016 • Text • Views: 418

  • Auf Patrouille

    An manchen Tagen möchte ich was kaputt machen. Liegt das am Wetter oder an den Leuten? Ich ärgere ich mich über drei Spanierinnen, die auf unseren Hinterhof gelaufen kommen. Mit Leggings, T- Shirt und Sonnenbrille. X- beinig stehen sie herum und die eine dreht sich einmal im Kreis. Filmt unseren Hof mit ihrem Smartphone. Ich stelle mich in aggressive Pose und glotze grimmig in ihren Snapchat. Haben die noch nie einen Hof gesehen? Mülltonnen und eine Sitzbank? Sind die krank? Dann schließt meine Nachbarin ihr Fahrrad an und ich höre ihre Antwort auf mein „Hallo“ nicht. Sie hat vielleicht etwas gemurmelt, vielleicht aber auch nicht. Ich hasse sowas. Continue Reading

    Mai 30, 2016 • Text • Views: 400

  • Mückenstich und Sonnenstich und Bienenstich

    Das Wetter ist schön. 29 Grad sollen es am Sonntag werden. Ich könnte ein Wochenende auf dem Land verbringen. Meine Mutter hat da eine Ferienwohnung gemietet. Aber die Tochter will nur mit, wenn die Cousine auch mitkommt. Ich will die Cousine aber nicht mitnehmen, jedenfalls nicht ohne ihre Mutter. Die aber lebt in Trennung und die Cousine ist am Wochenende beim Vater.  Mein Mann will sowieso nicht aufs Land. Er ist mehr so der Großstadttyp. Im Wald spazieren gehen, auf Feldwegen herumstromern und mit dem Fahrrad zum See fahren, reizt ihn nicht. Also, dann fahre ich eben ohne Cousine, Schwester und eigenen Mann aufs Land. Aber schon die Zugfahrt liegt außerhalb des vorstellbaren Bereichs. Wie soll ich denn bei sieben Minuten Umsteigezeit in Britz, es mit Kindern und Gepäck und Kinderwagen auf den anderen Bahnsteig schaffen? Treppe runter, durch die Unterführung und Treppe rauf. Ich seh uns schon den Anschlusszug verpassen. Anschlusszüge werden sowieso immer verpasst. Ich habe noch nie im Leben einen Anschlusszug bekommen. Dann müssten wir 48 Minuten auf den nächsten warten. Ich, allein mit zwei Kindern in Britz. Meine Mutter anrufen, Bescheid sagen, dass wir später kommen. Meine Mutter geht nicht ans Telefon. Kein Netz in Joachimsthal. 48 Minuten auf dem Bahnsteig in Britz. Die Kinder haben erst Hunger, dann Durst, dann müssen sie pinkeln. Ein Bahnhofsklo finden mit Gepäck und zwei Kindern. Sich beeilen müssen, um den nächsten Zug nicht auch noch zu verpassen. Dann irgendwann endlich da. Allein auf dem Lande mit Mutter und zwei Kindern. Skylla und Charybdis. Ständige Manöver zwischen Langeweile und Überforderung absolvieren. Mückenstich und Sonnenstich und Bienenstich. Kurz das Handy checken. Gerade dieses Wochenende sind besonders geile Parties in Berlin. Warum bin ich nicht dort geblieben. Könnte Prosecco Aperol trinken auf einer Dachterrasse in Mitte. Stattdessen muss ich Zwiebeln schneiden und immer weint irgendein Kind. Ich bin in der Stadt geblieben. 29 Grad am Sonntag. Wir liegen im Sand, auf einem staubigen Spielplatz, lösen Sudokus und alle anderen sind auf dem Lande und glücklich.

    Mai 25, 2016 • Text • Views: 285

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