15 Prozent aller Probleme verursachen Probleme

Ich hatte natürlich schon vorher eine gewisse Vorstellung, wie es sein sollte. Das Eingangstor ein stuckverziertes Portal. Die Decke von nackten Atlanten gehalten. Eine Marmortreppe. Oben dann ein goldener brustwarzenähnlicher Klingelknopf. Schritte auf knarrendem Parkett. Eine irritierend attraktive Assistentin begleitet mich in den Salon. Ich ziehe mir die Schuhe aus, habe extra für den Tag zueinander passende Socken angezogen, tapse zur Chaiselongue, begebe mich in Rückenlage und spreche.
Als Antwort bekomme ich ein Brummeln und ein Schreibgeräusch, Bleistift auf Notizblock und dann soll ich einen Traum erzählen, oder etwas über meinen Vater. Danach würde ich erleichtert und mit mehr Durchblick durch die Stadt schweben. Nichts würde mir mehr passieren können, ich war ja jetzt in Therapie. Ich müsste auf nichts mehr direkt reagieren, sondern einfach auf den nächsten Donnerstag warten, wenn ich wieder in die verschwiegene Praxis in dem großen Altbau fahren würde.
In Wirklichkeit musste ich lange telefonieren, um überhaupt jemanden zu finden und dann war es eine Frau. Ihre Praxis lag im Erdgeschoss auf einem Hinterhof. Ich war immer pünktlich und habe nie jemanden vor mir weggehen sehen. Nach mir kam auch nie jemand. War ich ihre einzige Patientin? Oder sie bestellte mich zur vollen Stunde und die nach mir und vor mir zur halben Stunde, so dass sie also immer eine halbe Stunde Zeit zwischen ihren Klienten hatte. Aber wer kann sich so was leisten? Jedenfalls, wenn ich ankam, musste ich jedes Mal zwei bis drei Minuten auf einem kleinen Hocker in dem Flur mit Spannteppich warten. Sie hingegen tippte hinter halb geöffneter Tür in einem kleinen Raum noch etwas in den Computer. Jedes Mal.
Hätte sie damit nicht schon eher fertig sein können? Sie wusste doch, dass ich um Punkt elf Uhr erschien. Oder gehörte das schon zur Therapie? Den Patienten erst mal ankommen lassen, eine Pufferzone schaffen, zwischen drinnen und draußen, so dass sich der Patient mental auf die bevorstehende Sitzung einstellen kann. Ich saß aber einfach nur in dem Flur und betrachtete den taubenblauen Spannteppich. Die Tipperei ging bestimmt von meiner Zeit ab und beendete sie die Sitzung nicht immer auch ein paar Minuten eher als nötig? Dann folgte ich ihr ins Behandlungszimmer. Eine Chaiselongue gab es dort auch, aber sie dirigierte mich immer nur auf einen weißen bauhausartigen Stuhl am Fenster. Auf einem kleinen Tischchen neben mir stand eine Packung Kleenex. Gab es wirklich Leute, die hier heulten? Die sie durch bohrende Fragen nach Träumen und dem Ödipuskomplex zum Weinen brachte? Konnte diese etwa 50jährige Frau Menschen zum Weinen bringen? Was für eine absurde Vorstellung. Sie, mit dem kühlen, kraftlosen Händedruck, sie, mit der Ausstrahlung eines farblosen Wischlappens, mit dem schlappen graubraunen Pferdeschwanz, den ausgebeulten Jeans und dem braunen fusseligen, wahrscheinlich kratzigen Rollkragenpulli, die sich vollkommen unempathisch und uninteressiert gab? Sie setzte sich weit weg von mir in die andere Ecke des Raumes. Neben ihr auf einem kleinen Tischchen stand ein abgeschlaffter Gummibaum, den sie wahrscheinlich niemals goss und eine Keramikeule. Sie stellte keine einzige Frage nach meiner Kindheit, oder ob ich etwas geträumt hätte. Es ging immer nur um mein Hier und Jetzt und das fand ich doch reichlich banal. Jedenfalls schrumpften meine Probleme in diesem Raum zu Banalitäten, wurden zu Herumgejammer über meinen Mann oder meine Antriebslosigkeit. Sie sagte nie etwas. Wenn ich ihr eine Frage stellte, wie „Was soll ich machen?“ oder „Was denken Sie darüber?“ kam immer nur eine Gegenfrage als Antwort: „Was glauben Sie, was Sie tun sollten?“ „Was glauben Sie, was andere darüber denken?“ Ich dachte, sie würde mit mir in die Tiefe gehen, meinen grundlegenden Defekt herausfinden, aber vielleicht kam das in einem nächsten Level. Vielleicht wollte sie sich erstmal ein Bild verschaffen, bevor ich mich auf die Chaiselongue legen durfte. Draußen schien die Sonne und ich saß hier drinnen und redete belangloses Zeug. Vielleicht war das auch schon Teil der Therapie? Den Patienten dazu bringen, dass er seine Probleme relativiert. Dass er rausgeht, Frisbee spielt, arbeitet, seine Bude aufräumt und seiner Krankenkasse nicht weiter auf der Tasche liegt.
Nach der dritten Sitzung verschrieb sie mir Antidepressiva und danach bin ich nicht mehr hingegangen. Ich glaube, ich war ein zu komplizierter Fall. Manche meiner Probleme hatten 14 verschiedene Identitäten angenommen und konnten nicht in Abschiebehaft genommen werden. Jetzt habe ich nur noch wenige Probleme. Ich lasse Probleme nicht mehr unkontrolliert einreisen. Ich habe Transitzonen außerhalb der EU für meine Probleme errichtet. Ich habe eine Obergrenze für Probleme eingeführt. Probleme dürfen nicht mehr als 1,5 Prozent meines psychischen Gesamtanteils betragen. Straffällig gewordene Probleme werden sofort abgeschoben.

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Published on: Januar 16, 2017

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