• Wer schreibt, erfriert

    Mein Status ist gestiegen. Vielleicht liegt es auch an dem vielen Geld, dass ich jetzt verdiene. Wenn ich früher erzählt habe, ich arbeite im Callcenter und schreibe nebenbei, ist den Leuten immer das Gesicht eingefroren und sie haben schnell einen Abgang gemacht. Jetzt werde ich auf Parties mitgenommen und sogar zu welchen eingeladen,  es mangelt nicht an sexuellen Offerten, Umarmungen und Küssen, Essenseinladungen und Freigetränken. Ja mein Leben hat sich, seitdem ich erfolgreiche Schriftstellerin bin, geändert, aber ich habe nichts mehr worüber ich schreiben kann. Früher habe ich meinen Stoff aus meiner Umgebung bezogen, konnte schamlos die Menschen um mich her ausbeuten, sie diffamieren, denunzieren, an den Pranger stellen, dem allgemeinen Gelächter preisgeben und bloßstellen, weil es ja eh keinen interessiert hat, was ich zu sagen habe. Nun stehe ich im Rampenlicht und fühle mich meiner Umgebung daher mehr verpflichtet. Jedes Wort von mir kann den sozialen Tod bedeuten und Existenzen vernichten. Daher kann ich nur noch über mich selbst schreiben. Ich kann nicht von der Party in Reinickendorf neulich erzählen, wo sie alle schon vor Mitternacht bis zum Anschlag zugekokst waren. 19jährige Schauspielschüler tanzten nackt zu David Bowie. Ich mag aber David Bowie nicht und bin dann aus dem Garderobenfenster geklettert und abgehauen, ohne mich zu verabschieden, habe mir fast den Hals gebrochen und 100 Euro fürs Taxi nach Hause bezahlt. Ich kann nur noch von mir erzählen und über das Schreiben, aber wer über das Schreiben schreibt, sagt meine Mutter, und zitiert Robert Walser: Wer über das Schreiben schreibe, der sei erledigt, wer über das Schreiben schreibe, sei am Ende. Nun muss man aber dazu wissen, dass der Schriftsteller Robert Walser erfroren ist, weil er in geistiger Umnachtung stundenlang ohne Jacke im Schnee spazierengegangen ist und daher antworte ich Robert Walser: Wer über das Schreiben schreibt, kann gut klarkommen, aber wer in geistiger Umnachtung ohne Jacke stundenlang im Schnee spazierengeht, erfriert.

    Januar 17, 2017 • Text • Views: 5

  • 15 Prozent aller Probleme verursachen Probleme

    Ich hatte natürlich schon vorher eine gewisse Vorstellung, wie es sein sollte. Das Eingangstor ein stuckverziertes Portal. Die Decke von nackten Atlanten gehalten. Eine Marmortreppe. Oben dann ein goldener brustwarzenähnlicher Klingelknopf. Schritte auf knarrendem Parkett. Eine irritierend attraktive Assistentin begleitet mich in den Salon. Ich ziehe mir die Schuhe aus, habe extra für den Tag zueinander passende Socken angezogen, tapse zur Chaiselongue, begebe mich in Rückenlage und spreche.
    Als Antwort bekomme ich ein Brummeln und ein Schreibgeräusch, Bleistift auf Notizblock und dann soll ich einen Traum erzählen, oder etwas über meinen Vater. Danach würde ich erleichtert und mit mehr Durchblick durch die Stadt schweben. Nichts würde mir mehr passieren können, ich war ja jetzt in Therapie. Ich müsste auf nichts mehr direkt reagieren, sondern einfach auf den nächsten Donnerstag warten, wenn ich wieder in die verschwiegene Praxis in dem großen Altbau fahren würde. Continue Reading

    Januar 16, 2017 • Text • Views: 9

  • Heavy New Year

    Ein neues Jahr ist angebrochen und nachdem ich mich nun langsam von den wochenlangen Silvesterfeierlichkeiten erhole und wieder klar zu blicken beginne, wird mir bewusst, wie wenig sich doch im neuen Jahr verändert hat. Ich bin meiner selbst immer noch überdrüssig oder soll ich etwa schon wieder über den Briefkasten schreiben, den ich zu selten öffne, oder darüber, dass ich immer so lange schlafe. Macht nichts. Continue Reading

    Januar 5, 2017 • Text • Views: 42

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