• Männer und Frauen

    Ab einem gewissen Alter ist es richtig angenehm, Zeit mit Männern zu verbringen. Wenn man nicht mehr auf der Suche nach Bestätigung ist. Wenn man seine Schäfchen im Trockenen hat. Kinder sind gemacht, liiert ist man auch. Alles was dazu kommt, ist Bonus. Man macht sich schick, aber nicht zu sehr, braucht man nicht. Haare noch nicht grau, Falten noch nicht tief. Alles top.
    Auf einmal kommen mir Männer fast wie Menschen vor. Also fast wie Frauen, nur besser. Man kann mit ihnen über alles ganz offen reden. Krankheiten, Ex, Sex, das Alter, über früher, über die Familie, über die Familien, über die Kinder, über das Leben. So viele Gemeinsamkeiten auf einmal, wo sich so ein bißchen Leben angesammelt hat, kein Rumstottern mehr, oder sich Kinofilme erzählen. Einfach entspannt zurück lehnen und plaudern, ohne irgendwelchen Mist im Hinterkopf zu haben. Ob man jetzt verliebt ist, ob der andere einen gut findet. Klar findet der einen gut, sonst säße der ja jetzt nicht hier. Man ist die beste aller Möglichkeiten, weil Erwachsene immer alles mit Absicht machen. Von Mensch zu Mensch steht man sich gegenüber und es ist egal, wer bezahlt. Man trinkt früh um vier grünen Tee miteinander, früh um sieben Kaffee oder macht mittags um 12 noch den letzten Rest Pulver weg. Danach trennt man sich mit einer kräftigen Umarmung. Nummern braucht man auch nicht mehr zu tauschen, die hat man sowieso schon seit zwanzig Jahren.

    Mai 23, 2016 • Text • Views: 3

  • Pink Lady

    Ich komme fünf Minuten zu spät zum Termin und meine Karte ist nicht mehr gültig. Im Vorzimmer bei  meiner Frauenärztin hängt Kunst an den Wänden, alles ist weiß und es riecht immer ein bißchen nach Muschi. “Wann war der erste Tag der letzten Blutung?” fragt mich die Sprechstundenhilfe. Wie soll ich das wissen? Ich blättere hektisch im Kalender und versuche Ereignisse der vergangenen Wochen mit eventuellen Tamponwechseln zusammenzubringen.  Der Kinobesuch mit Nina? Das Essengehen mit Peter? Möglich wäre es. Ich kann mir gut vorstellen, wie ich im Kino saß, dritte Reihe Mitte und mir Gedanken mache, ob die Binde  dicht hält, oder ich beim Aufstehen eine Blutspur hinterlasse. Ich kann mir auch gut vorstellen, mich in einer winzigen Restauranttoilette beim Tamponwechseln verrenkt zu haben. Aber ich komme beim besten Willen nicht auf den ersten Tag der letzten Blutung und sage dann einfach irgendein normales Datum. Die Arzthelferin notiert es und dann soll ich “kurz im Wartezimmer Platz nehmen”. In einer Schale im Vorraum liegen Äpfel. Ich nehme mir einen mit. Das Wartezimmer ist leer. Ich setze mich und beiße in den Apfel. Dabei rutsche ich an der harten Schale ab und der Apfel schrammt mir die Oberlippe hoch und stößt an die Nase. Wenn das jetzt anschwillt, wird die Ärztin häusliche Gewalt vermuten. “Alles ok zu Hause?” wird sie fragen. “Ja klar!” werde ich übertrieben fröhlich antworten und ihr die Fotos meiner Kinder im Portemonnaie zeigen. Dabei wird mir das Tütchen Gras rausfallen, dass ich schon seit Wochen mit mir herum trage. Ach was, ich habe einfach zu viel Phantasie. Der Apfel hat eine kleine faule Stelle. Ich klebe den Apfelaufkleber darauf, um dort nicht aus Versehen abzubeißen und knabbere um die Stelle herum. “Pink Lady” ist die Apfelsorte. Macht Sinn, in einer Frauenarztpraxis Pink Lady Äpfel zu verschenken. Wohin mit dem Apfelgrips? Ich würde ihn ja aufessen, aber ich mag nicht, wegen der faulen Stelle. Im Wartezimmer steht ein leerer sauberer Papierkorb. Soll ich den Grips einfach so da rein legen?  Oder soll ich den Grips vorher in eine der Broschüren über Verhütung oder Sexualkrankheiten wickeln, die auf dem Glastisch in der Mitte des Raumes arrangiert sind? Aber die Broschüren sind aus zu dickem hochwertigen Papier, die lassen sich nur rollen, nicht knüllen. Wäre auch schade drum, wenn jetzt eine weniger aufgeklärt wird, weil ich die wertvollen Informationen um einen Apfelgrips gewickelt habe. Ich könnte auch kurz in den Vorraum gehen und die Arzthelferinnen fragen, was ich mit dem Grips machen soll, aber womöglich sind sie gerade im Gespräch mit einer frisch eingetroffenen Patientin über Brennen in der Scheide, Jucken und Ausfluss und ich muss dann daneben stehen und mit dem Grips in der Hand warten, bis sie fertig sind. Ich könnte den Grips auch in eine Broschüre wickeln und in die Handtasche stecken, aber dann würde sich das hochwertige Papier in meiner Tasche von alleine aufrollen und dann trage ich einen feuchten Apfelgrips und eine Sexbroschüre in meiner Tasche spazieren, womöglich wochenlang. Nachher habe ich den Grips in meiner Tasche doch bestimmt vergessen. Schließlich lege ich den Grips doch nackt in den Papierkorb und hoffe, dass sie ihn erst bemerken, wenn ich weg bin. Ich sehe die Schwester vor mir, wie sie in ihrem weißen Outfit vor dem Papierkorb hockt und den Grips mit spitzen Fingern herausfischt. Nachher wäscht sie sich lange die Hände mit der antiseptischen Seifenflüssigkeit. Was solls. Mein Name schallt aus dem Lautsprecher. Ich bin dran. Jetzt bin ich dran.

    Mai 16, 2016 • Text • Views: 18

  • Pittbull, Dackel, Paybackkarte

    Immer werde ich angestarrt. Wenn ich im ÖPNV unterwegs bin, mit den Kindern und dem Kinderwagen. Dieses stumme Geglotze, ich hatte das schon vergessen, weil ich so selten U- Bahn fahre. Die Leute gucken gar nicht auf ihre Smartphones, die glotzen uns an. Ausdruckslos. “Why do all the germans always staring at each other?” sagt auch der schwarze New Yorker Boyfriend einer Freundin, der den deutschen ÖPNV deswegen ungern benutzt. Berlin ist ein Dorf, voller Bauern und Bauern glotzen eben alles an, was keine Kartoffel ist. Continue Reading

    Mai 10, 2016 • Text • Views: 35

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